Seit rund fünfundzwanzig Jahren berühre ich in meiner Praxis Menschen und Pferde. Meine Achtung vor der Weisheit unseres Körpers wächst dabei jedes Jahr. Eine Erfahrung hat meine Arbeit besonders geprägt: die Berührung, die nichts will.
Berührung ist eine Sprache ohne Worte. Sie trägt einen großen Teil dazu bei, dass wir in unserem Körper, in unserer Seele und in unserer Weiblichkeit heilen können. Und wir haben immer alles dabei, was wir dafür brauchen: unsere Hände. Sie sind die feinsten und erstaunlichsten Wunderwerke, die ich kenne, ausgestattet mit unzähligen Nervenenden und Energiebahnen.
Wo mein Spüren begann
Bei Tieren habe ich mich schon als Kind immer zuhause gefühlt. Sie nahmen mich so, wie ich war, und erwarteten nichts dafür. Heute erkenne ich darin bereits den Kern dessen, worum es in diesem Beitrag geht.
Eines Tages durfte ich eine Freundin der Familie auf ein großes Islandpferdegestüt begleiten. Sie behandelte dort die Pferde, unter anderem mit Homöopathie und energetischen Heilweisen. Ich selbst hatte damals noch keinerlei Erfahrung mit Pferden, ihrer Anatomie oder ihrer Bewegung. Beim dritten Pferd fragte sie mich aus reiner Neugier nach meinem spontanen Eindruck. Ich zeigte einfach auf die Körperbereiche, die mir aufgefallen waren, und beschrieb die Gefühle dazu. Ich spürte es in meinem eigenen Körper.
„Es fühlte sich so an, als würden mir die Pferde ihre Körperempfindung mitsamt der dazugehörigen Emotion exakt an die gleiche Stelle in meinen Körper schicken.“
Das verblüffte uns beide. Sie bat mich, bei jedem weiteren Pferd auf diese Weise hineinzuspüren, und prüfte meine Eindrücke mit ihren eigenen Methoden nach. Die Trefferquote lag bei fast einhundert Prozent. Gleichzeitig kamen mir Berührungen, Druckpunkte oder ein Ausstreichen im Energiefeld in den Sinn, um etwas zu lösen oder zu lindern.
Später verstand ich, dass ich an diesem Tag zum ersten Mal mit der Ebene der Empfindungskommunikation in Berührung gekommen war. Auf ihr tauschen Pferde und Menschen, ungefiltert durch den Verstand, die reine Essenz der Information aus. In den letzten zwei Jahren bis zu meinem Schulabschluss fuhr ich einmal oder zweimal im Monat auf diesen Hof mit seinen damals rund 450 Pferden und durfte unzählige von ihnen behandeln. Dort gingen meine Hände zum ersten Mal in die Schule.
Zwei Stunden auf der Liege
Nach der Schule war mir klar: Ich wollte weiter Pferde und Menschen behandeln. Den entscheidenden Hinweis auf eine passende Methode gab mir meine Mutter. Sie hatte kurz zuvor eine Cranio-Sacral-Behandlung erlebt, die viel in ihrem Körper bewegt hatte, und schenkte mir kurzerhand einen Termin bei ihrer Therapeutin in Basel.
Zwei Stunden lag ich auf einer gemütlichen Behandlungsliege und sollte nur entspannen und wahrnehmen. Die Therapeutin gab kaum spürbare, gezielte Impulse an Muskeln, Organe und Gelenke. In mir lösten sie so intensive Körper- und Energieempfindungen und eine solche Flut innerer Bilder aus, dass ich völlig überwältigt war. Danach fühlte ich mich fröhlich, leicht wie ein Wölkchen, und schwebte förmlich nach Hause.
Am nächsten Morgen wachte ich noch mit einem breiten Lächeln auf. Innerhalb einer Stunde konnte ich plötzlich nur noch im rechten Winkel stehen. Ich hatte den ersten Hexenschuss meines Lebens, kicherte unkontrolliert vor mich hin und musste mich gleichzeitig übergeben. Nach ein paar Stunden fühlte sich mein Rücken befreit und sehr lebendig an. Dass so feine Impulse eine so große Blockade lösen konnten, zog mich magisch in den Bann.
Ein paar Monate später begann ich die fünfjährige Ausbildung zur Cranio-Sacral-Therapeutin bei Dr. Olaf Korpiun in Zürich. Drei Jahre dauerte die Grundausbildung. Knapp zwei weitere Jahre galten der Bindegewebsarbeit, der emotionalen Energie im Gewebe und der Behandlung von Säuglingen.
Berührung gibt Raum
In der Cranio-Sacral-Therapie setze ich mit den Händen feine Druck- oder Zugimpulse, die im Grammbereich liegen, oder ich halte einfach. Beides ist ein Lösungsvorschlag an den Körper. Ein Lösungsweg, der ihm mit starkem Druck von außen vorgegeben wird, erfolgt meist zu schnell und liegt über der Drucktoleranz des Gewebes. Diesen Weg kann sich der Körper schlecht merken.
Deshalb höre ich dem Körper zu, um herauszufinden, welchen Impuls er an welcher Stelle braucht. Ich setze diesen Impuls, ziehe mich zurück und schaffe Raum. Dann findet der Körper seinen eigenen Lösungsweg. Die Berührung stellt eine Frage. Der Körper kennt die Antwort.
Eine Lösung, die der Körper selbst gefunden hat, speichert er in seinen Geweben, vor allem im Bindegewebe. Von dort kann er sie jederzeit wieder abrufen. So wächst das Vertrauen in uns selbst und in unsere Selbstheilungskräfte.
Dabei stelle ich mich mit meinem eigenen Körper und meiner ganzen Wahrnehmung als zusätzlicher Spürraum zur Verfügung. Ich empfinde mit, was der Körper meines Gegenübers empfindet, ganz ähnlich wie damals bei den Islandpferden. Jeder Körper hat seinen eigenen Rhythmus und findet in seinem eigenen Tempo in den gesunden Zustand zurück.
Früher war das Ertasten mit den Händen, die Palpation, eine der verlässlichsten Möglichkeiten, den Körper zu verstehen. Heilerinnen und Ärzte erlangten darin eine echte Meisterschaft. Dieses Wissen wird gerade wiederentdeckt, und ich freue mich über jeden Menschen, der seinen Händen wieder mehr zutraut.
Frauen und Männer spüren verschieden
Mit den Jahren ist mir bewusst geworden, wie unterschiedlich Frauen und Männer Berührung wahrnehmen. Bei Frauen enden die Nervenenden in der Regel direkt an der Hautoberfläche. Schon ein ganz leichter Kontakt, manchmal sogar die bloße Annäherung einer Hand, wird intensiv gespürt. Bei Männern liegen die Nervenenden etwas tiefer, deshalb wird oft erst ein stärkerer Druck als Berührung empfunden. Eine ganz leichte Berührung empfinden viele Männer eher als Kitzeln.
Zu viel Druck lässt einen Frauenmuskel sich eher verschließen. Die Haut spannt sich an und schiebt zurück, was sie bedrängt. Ein Männermuskel kann sich durch dieselbe Art von Druck dagegen öffnen und wird aktiviert. Druck erzeugt Gegendruck, auf der Gefühlsebene und ganz natürlich auch im Körper. Natürlich gilt: Jeder Mensch erlebt sein eigenes Berührungsuniversum. Deshalb lade ich jede Frau ein, ehrlich zurückzumelden, wann sich der Druck angenehm anfühlt. Wir spüren intuitiv, was uns Entspannung schenkt. Das alte „Augen zu und durch“ dürfen wir getrost hinter uns lassen.
„Viel hilft viel“, sagt der Verstand. Der Körper zieht etwas ganz anderes vor. Der Verstand hat keine körperlichen Empfindungen, die ihm das Gegenteil zeigen könnten. Er hat gelernt, sich auf Probleme zu stürzen und sie so lange mit Energie zu beschießen, bis sie verschwunden sind. Dabei folgt Energie der Aufmerksamkeit, wie wir es aus den asiatischen Kampfkünsten kennen. Was wir mit voller Konzentration bekämpfen, füttern wir also weiter.
Das Schöne ist: Wir können den Verstand einfach denken und den Körper einfach spüren lassen. Wohin du deine Aufmerksamkeit lenkst, von dort beziehst du Impulse und Informationen. Der Körper hat seine ganz eigene Art, mit Problemen umzugehen, und du findest sie, wenn du in die Welt der Empfindung eintauchst.

Was eine Berührung färbt
Jeder Körper ist von einem Energiefeld umgeben. Wie wir eine Berührung erleben, hängt deshalb auch davon ab, was der Berührende in sich trägt. Wer mit seinen Gefühlen ganz bei sich ist, schenkt eine freie Berührung. Wer dagegen seine eigenen Gefühle oder Absichten über die Hände weitergibt, macht die Berührung schwer.
Schon der leise Wunsch, mit einer Berührung sich selbst oder dem anderen etwas Gutes zu tun, verändert ihre Qualität. Jede Absicht landet im Energiefeld und im Körper des Berührten. Jeder von uns trägt die Weisheit für die eigenen Lösungen in sich. Eine Berührung ohne Absicht lässt genau dafür Raum.
„Berührung ist eine Ur-Sprache. Sie ist mehr ein Raum als eine bloße physische Begebenheit.“
Meine erste Erfahrung damit
Ich erinnere mich genau an meine erste Erfahrung mit einer raumgebenden Berührung. Es war auf einem Frauenseminar. In kleinen Gruppen sollten wir, begleitet von Musik, jeweils einer Frau eine Berührung schenken, die nichts will. Als ich an der Reihe war, dachte ich zuerst an all die Behandlungen, die ich gegeben und empfangen hatte. Mein zweiter Gedanke war: So entspannt habe ich mich noch nie gefühlt. Ich konnte mich förmlich schnurren hören.
Es ging einfach darum, den Körper der anderen Frau würdigend und wertschätzend zu berühren, genau so fein, wie sie es sich wünschte. Schon das löste eine Lawine an Empfindungen in mir aus. Nach kurzer Zeit liefen mir Glückstränen über die Wangen. Ich fühlte mich wie in eine weiche, wolkige Federdecke gehüllt. So fühlt sich geteilte Liebe an, und die Hände sind dabei einfach die Übermittler.
In den Frauenseminaren erleben wir oft, wie heilsam eine Berührung ist, die Raum gibt, kein Ziel hat und nichts will. Die Gabe des Raum Gebens ist für mich eine der schönsten weiblichen Ur-Qualitäten. Und ja, auch Männer können sie verschenken. Für Frauen, die zum ersten Mal bewusst die Berührung einer anderen Frau erfahren, ist es oft ein unvergesslicher Moment.

Langsamkeit erhöht das Bewusstsein
In den folgenden Jahren habe ich die weibliche Berührung immer tiefer erforscht. Dabei habe ich verstanden, wie entscheidend die Geschwindigkeit ist. Je langsamer und ruhiger eine Berührung für eine Frau gestaltet wird, desto tiefer kann sich verspanntes Gewebe lösen. Die Frau findet wieder Zugang zu ihrem Körper und schlägt ihre Wurzeln in ihrem eigenen Inneren. Je schneller dagegen über den Körper drübergehuscht wird, desto oberflächlicher bleibt die Wirkung, und die ganze Erfahrung hinterlässt eine tiefe Unzufriedenheit.
Langsamkeit weckt das Bewusstsein. Sie schafft den Raum für Loslassen, Heilung und die Wiederentdeckung der eigenen Körpersprache und Intuition. Viele von uns sind Berührungen mit viel Kraft und Zielsetzung gewohnt. Sobald wir uns an die urweibliche Qualität des Raum Gebens erinnern, beschenkt sie beide gleichermaßen.
Das Schöne daran: Wenn wir berühren, werden wir selbst tief berührt. Wenn wir Raum schenken, schenken wir uns selbst den Raum.
Wenn Brandur um Berührung bittet
Auch die Pferde zeigen mir immer wieder, wie schön Berührung ist, wenn sie aus freiem Willen entsteht. Mein Freund Brandur lebt heute mit seiner Herde in Bosnien, und ich sehe ihn oft erst nach einigen Monaten wieder. Unsere erste Begegnung verläuft immer ähnlich. Sobald ich Brandur ausgemacht habe, komme ich langsam näher, bleibe in gebührendem Abstand stehen und warte.
Wir sehen uns an und lesen uns erst gegenseitig, so ist jedenfalls meine Wahrnehmung. Das dauert immer ein bis zwei Minuten. Dann geht eine Art Ruck durch ihn hindurch. Er beginnt sich zu freuen, kommt auf mich zu und zeigt mir ganz deutlich, wo ich ihn kratzen und kraulen soll, am liebsten ohne Ende. Dann kratze ich ihn genüsslich durch und weine glücklich vor mich hin.
Für mich liegt in diesen Minuten dieselbe Qualität wie in einer Berührung, die nichts will. Ich nähere mich langsam, lasse Raum und warte, bis mein Gegenüber bereit ist. Dann beginnt die Berührung, und er bestimmt, wohin sie gehört.
Verbindung ist die Brücke
Wer einmal eine raumgebende Berührung erlebt hat, spürt sehr deutlich den Unterschied zu einer rein technischen Berührung, bei der am Körper herumgewerkelt wird. Oft tut das fast weh, manchmal auch wirklich. Häufig wird sogar geraten, innerlich keine Bindung zum Patienten herzustellen. Das empfinde ich als fatal, denn es nimmt beiden das wirkliche Erleben von Verbindung. Zurück bleibt ein schales Gefühl: Wir sind uns gar nicht wirklich begegnet.
So gut ein Therapeut in seinem Fach auch sein mag, die emotional-energetische Verbindung ist die Brücke und die wichtigste Voraussetzung. Sie öffnet den Körper für einen Heilimpuls, und erst danach kann der körperliche Impuls seine Wirkung entfalten. Fließt diese Berührungsqualität in eine Behandlung ein, fühlt sich jeder Mensch ganzheitlich berührt, wahrgenommen und gesehen.
„Ein Körper ist also keine Fleisch- und Knochenmaschine, sondern ein hoch intelligentes, hochemotionales Lebewesen, das ganz eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt.“
Das Tagebuch im Bindegewebe
Unser Bindegewebe ist mehr als ein Gerüst. Es merkt sich alles, wie eine Art Körper Tagebuch, und zwar schon lange vor unserer Geburt. Es speichert körperliche Erlebnisse und zugleich die Gefühle, die wir dabei hatten. Gerade nach einem Schock kann das Gewebe über Jahre aufgeladen bleiben und vielfältige Beschwerden auslösen.
Lange galt allein das Nervensystem als Speicher des Körpers. Schmerzgedächtnis, Phantomschmerzen und Schonhaltungen kennen wir als Leistungen unserer Nervenzellen. Dass auch das Bindegewebe so viel speichert, ist eine vergleichsweise neue Erkenntnis. Dass es die durchlebten Gefühle gleich mit aufbewahrt, ist zu meinem Hauptaugenmerk in jeder Behandlung geworden.
Eine achtsame Berührung mit innerer Hinwendung kann diese gespeicherten Energien lösen. Diese Hinwendung fühlt sich an wie ein warmes, bewegliches Band zwischen zwei Menschen. Sie steht im Einklang mit dem Raum Geben, beides ist gleichzeitig möglich. Der Körper taut auf, alles beginnt wieder zu fließen und weitet sich aus.
Unser Körper will locker und gesund sein. Er darf dabei die Spuren eines gelebten, bunten Lebens tragen. Er antwortet in jedem Moment auf das Leben, und genau darin zeigen sich seine Lebendigkeit, Intelligenz und Weisheit.
Erleben: Cranio-Sacral-Therapie in meiner Praxis in Markdorf und achtsame Berührung im Frauentag.
Lust auf mehr? Wenn dich diese Zeilen berührt haben, erzählt dir mein Buch „Freiheit für Brandur. Eine Reise zur wahren Größe“ die ganze Geschichte: von Brandur, von unserem gemeinsamen Weg nach Livno und von allem, was die Pferde mich dabei gelehrt haben. Über achtsame Berührung schreibe ich vor allem im zweiten Teil. Du findest es bei Amazon, und ich freue mich, wenn es dich ein Stück begleitet.
