Im zweiten Teil habe ich erzählt, wie Brandur und ich immer mehr Freiheit geschnuppert haben. Heute erzähle ich dir von dem Ort, an dem er sie gefunden hat, und von einer Reise, die viel länger dauerte als geplant.
Ein Lebenszentrum für Pferde
Eines Tages las ich Maksidas Aufruf in der Gruppe. Sie und ihr Freund Branko wollten in Bosnien ein Rehabilitations- und Lebenszentrum für Pferde eröffnen, auf etwa 120 Hektar, mit Maksidas zwei Stuten und Brankos halbwilden Kühen samt Kälbern. Mitten in ursprünglicher Natur, umgeben von duftenden Kiefernwäldchen, mit einem Berg zum Wandern und einem Fluss zum Trinken und Baden.
Die Pferde sollten dort wandern, im dichten Gebüsch im Schatten ruhen und auf dem Bergplateau die Kräuterwiesen beweiden. Sie sollten sich daran erinnern dürfen, welche Pflanzen ihnen guttun, und ihren Tag nach ihrem eigenen Körperwissen gestalten.
Mir ging das Herz auf, und ich weinte vor Freude. Das war das Traumleben für Brandur. Wir waren die Ersten, die sich um einen Platz bewarben. Auf meine Frage, ob es nicht völlig utopisch sei, von so weit weg zu kommen, lachte Maksida nur: „Das ist überhaupt nicht utopisch, wir freuen uns auf Euch!“ Brandur klingelten in den folgenden Tagen bestimmt die Ohren, so oft erzählte ich ihm von seiner Zukunft in Freiheit.
Wie jung dieser Traum damals war, wird mir erst heute richtig bewusst. 2020 waren Maksidas Stuten nach Livno gekommen und in Brankos „Ranč Crna Stina“ eingezogen. Damit war der erste Ort gegründet, an dem Pferde in Freiheit leben und heilen durften. Kurz darauf kamen ein paar Pferde aus dem Umland dazu. Brandur sollte als erster „Ausländer“ anreisen. Heute leben dort über 50 Pferdefreunde in drei Herdenverbänden. Damals war es ein mutiger Anfang.

Papiere, Geduld und ein Abschied
Die Planung klang einfach: Tierarzt, Blutuntersuchung, Pferdepass, Chip prüfen, Transportpapiere, losfahren, ankommen. Die Wirklichkeit bestand aus Auflagen, Änderungen der Auflagen und Änderungen der Änderungen. Ohne die Engelsgeduld von Eleftherios und Maksida wäre ich in diesem Papierchaos versunken.
In solchem Beamtenkram Ruhe und Durchblick zu behalten, lag mir wenig. Zu allem Überfluss begann in dieser Zeit die Regentschaft von „Lord und Lady C“, und alles wurde ins Unendliche verlangsamt und verzögert.
Gleichzeitig begann mein innerer Loslassprozess. So schön ich mir Brandurs neues Leben vorstellte, so schmerzhaft war der Gedanke, ihn ziehen zu lassen. Er würde den Rest seines langen Lebens dort verbringen, rund 1200 Kilometer von mir entfernt.
Maksida und Branko hatte ich bis dahin nie persönlich getroffen. Trotzdem vertraute ich ihnen blind und wusste, dass Brandur bei ihnen in den besten Händen sein würde. Pferde brauchen uns Menschen eigentlich nicht. Und doch ist die Verbindung zwischen einem Pferd und seinem Menschen etwas Besonderes, gewachsen aus all der Liebe, den gemeinsamen Erlebnissen, den Höhen und Tiefen. An der Intelligenz und dem brillanten Erinnerungsvermögen von Pferden habe ich immer fest geglaubt. Vor lauter Wehmut fragte ich mich trotzdem, ob er mich nach ein paar Monaten noch erkennen würde. An meinem Entschluss änderte das nichts. Es war das einzig Richtige für uns.
„Brandur und ich waren uns begegnet, um uns gegenseitig die Freiheit zu schenken.“
So gelassen, wie er mich durch meine Krisenzeit begleitet hatte, wollte ich ihn jetzt auf seiner Reise in die Freiheit begleiten. Abschied gehörte dazu, für ihn genauso wie für mich, denn auch er würde seine kleine Herde verlassen.
Was der Pferdehänger mich gelehrt hat
Seit einem stressigen Umzug war Brandur fest überzeugt, dass ein Hänger nie wieder eine Option für ihn sein würde. Den zweiten Umzug hatten wir deshalb vier Stunden lang zu Fuß zurückgelegt.
Ich konnte ihn gut verstehen. Das erste Verladen war damals mit viel zu viel Ungeduld und unnötigem Stress verbunden gewesen, und das hatte er sich gemerkt. Dazu kommt etwas, das wir Menschen leicht unterschätzen: Für ein Pferd ist es ein heftiger Schritt, die Sicherheit und Stärke seiner Herdenfamilie zu verlassen. Es trifft sie viel tiefer, als wir uns vorstellen können. Dass der nächste Stall schöner sein wird, zählt in diesem Moment wenig. Unsere vierstündige Wanderung war trotz aller Aufregung auf beiden Seiten sehr lehrreich für uns.
Also übten wir wochenlang mit leckeren Futtereimern im Hänger, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg. Dabei konnte ich ein Prinzip ausgiebig erforschen: Druck erzeugt Gegendruck. Ich durfte an mir selbst erkennen, wo ich Erwartungen hatte, die ich geschickt zu verbergen versuchte oder die mir gar nicht bewusst waren. Pferde geben dazu ein sofortiges Feedback. Sie reagieren ausschließlich auf das Wahre in uns.
Ich bin selbst sehr empfindlich gegenüber emotionalem Druck und konnte Brandurs Reaktionen gut nachvollziehen. Pferde sind die größten Meister darin, neutral und klar zu spiegeln, was ich wirklich ausstrahle und welche Sehnsüchte und Bedürftigkeiten ich auf sie übertrage. Das ist manchmal unbequem, unendlich lehrreich und ein wahrer Segen.
Die Erkenntnis, dass niemand etwas für mich tun muss, das für ihn nicht stimmig ist, und dass ich selbst für mein Glücklichsein verantwortlich bin, war zutiefst entspannend. Sie bringt mich zu mir zurück und schafft Raum für Leichtigkeit im Miteinander, mit Pferden und mit Menschen.
Geschlossene Grenzen
Dann war es so weit. Der Transport war organisiert, mein Koffer gepackt. Auf dem Weg zum Stall rief Maksida an: Die Grenzen waren gerade geschlossen worden. Ich weinte vor Frust. Brandur war zwei Tage lang mächtig sauer, als ich es ihm erklärte. Bei jeder Wanderung danach blieb er demonstrativ am Hänger stehen und sah mich auffordernd an.
Seinen Frust konnte ich absolut nachvollziehen, mir ging es genauso. Es fühlte sich zutiefst unfair an, dass ein so wunderbares Vorhaben ausgerechnet jetzt ausgebremst wurde. Wir mussten einen neuen Termin finden, und der ganze Papierkram mit dem Veterinäramt begann von vorn. Wenigstens hatten wir inzwischen Übung darin.
Einige Monate später stand ein neues Datum fest. Ich selbst durfte wegen der Bestimmungen nicht mitreisen. Maksida organisierte zwei Tierärzte aus Bosnien, die Anfang Mai 2021, aufgehalten von vielen Staus und Grenzkontrollen, um Mitternacht bei uns ankamen. Sie hatten 2400 Kilometer für Brandur und mich auf sich genommen. Ich habe sie zu ihrem Erstaunen erst einmal von Herzen umarmt.
Brandur wehrte sich eine Stunde lang mit aller Kraft gegen den Hänger. Die beiden blieben bewundernswert ruhig, versuchten ein ums andere Mal etwas Neues, reparierten das zertretene Rücklicht, klebten ein Loch in der Hängerwand zu und nahmen ihm nichts übel. Schließlich stand er im Hänger, sichtlich mitgenommen, mampfte Heu und wirkte plötzlich ganz entspannt.
Es tat mir in der Seele weh, ihn so kämpfen zu sehen. Gleichzeitig wusste ich, dass ich daran nichts ändern konnte.
„Es war seine Neugeburt, und ich war mir sicher, dass dieser Prozess dazugehörte, auch wenn ich ihm diesen Kampf gerne erspart hätte.“
Als sie losfuhren, spürte ich zum ersten Mal den Schmerz, den ich bis heute bei jedem Abschied von ihm spüre. Unser gemeinsamer Herzensraum wurde förmlich auseinandergezogen und dehnte sich über die Kilometer aus, bis er schließlich die ganze Strecke umfasste, die nun zwischen uns liegt. Dieser Schmerz ist ein kleiner Preis für das Glück, das uns geschenkt wurde, und für die Freiheit, in der Brandur jetzt leben darf. In Tränen aufgelöst bin ich beim Abschied trotzdem jedes Mal.
Knapp drei Wochen unterwegs
Wie gut, dass wir vorher nichts von der Odyssee ahnten, die auf Brandur zukam. Meine spontane Umarmung hatte die beiden Männer so gefreut, dass sie nur das Beste für ihn geben wollten. Gegen willkürlich geänderte Auflagen waren aber auch sie machtlos. Zweimal wurden sie an der Weiterfahrt gehindert.
Brandur musste in zwei Ställen zwischengeparkt werden, deren Besitzer Branko entfernt kannte. Wir konnten nur hoffen und darauf vertrauen, dass man sich dort gut um ihn kümmerte. Manchmal wartete er tagelang, während wir fieberhaft versuchten, die richtigen Papiere vom Veterinäramt zu bekommen.
Einmal lag es an einem englischen Übersetzungsfehler. Ein anderes Mal fehlte in einem Satz ein einziges Wort, und das gesamte Dokument wurde für ungültig erklärt. Es war eine frustrierende Begegnung mit Bürokratie und Willkür, die über das Tier, das darunter litt, einfach hinwegging. Wie verloren und verzweifelt sich mein Freund in diesen knapp drei Wochen gefühlt haben muss, können wir nur ahnen.
Alle Stationen dieser Reise erzähle ich ausführlich in meinem Buch „Freiheit für Brandur“.
Ankommen im Pferdeparadies
Umso glücklicher war ich, als er endlich ankam. Maksida, meine Heldin, filmte alles und schickte mir die Videos in Echtzeit. Ich sah sein erstauntes, neugieriges Gesicht, als er aus dem Hänger stieg. Ich sah, wie er sich wälzte, Kräuterheu fraß und von Maksida und Branko liebevoll empfangen wurde. In den ersten Tagen nach dieser anstrengenden Reise begrüßte er die anderen Pferde und die Kühe und wollte vorerst seine Ruhe haben. Das war nur verständlich.
In den ersten Wochen war er unermüdlich unterwegs. Er lief und lief, badete im Fluss und schlief manchmal sogar darin. Maksida beschrieb mir lachend sein verblüfftes Gesicht, wenn er nirgendwo einen Zaun fand. Ich glaube, ich habe wochenlang vor Freude über sein Staunen mitgelacht.
Maksida und Branko waren beeindruckt von seiner Eigenständigkeit. Brandur erkundete alles auf seine ganz eigene Weise, kam wunderbar mit sich allein zurecht und probierte die unterschiedlichsten Sträucher und Gräser. Langsam begann er zu begreifen, dass sich sein Leben von Grund auf verändert hatte. Während der Reiseverzögerungen war die junge Herde schon ein wenig gewachsen. Mit Brandur waren es, wenn ich mich richtig erinnere, sechs oder sieben Pferde. Seine neuen Familienmitglieder fand er zunächst vor allem aus der Ferne interessant.
Zu unserer Überraschung schloss er sich stattdessen den halbwilden Kühen an, wanderte mit ihnen und kuschelte sogar mit dem Stier. Wir scherzten, dass er bald muhen würde, wenn ich ihn besuchen käme. Diese wunderschönen Tiere beeindruckten auch mich zutiefst, sie strahlten Kraft, Ruhe und Lebensfreude aus. Die Kühe gaben ihm in dieser ersten Zeit den Halt, den er brauchte.
Was Weite heilen kann
Das Sommerekzem begleitete Brandur, seit er aus Island importiert worden war. Ich habe es immer als Antwort seines Körpers und seiner Seele auf dieses tiefe Trauma erlebt. In Livno durfte ich zusehen, wie er Schritt für Schritt ins Gleichgewicht fand.
Sein Bad im Flusswasser, das laut Maksida jodhaltig ist, schien sein Ekzem deutlich zu beruhigen. Auch die Ödeme im Bindegewebe seines Rückens bildeten sich zurück. Viel Bewegung, abwechslungsreiches Gelände und Gras ohne Rationierung brachten seinen Stoffwechsel wieder ins Gleichgewicht. Pferde sind unfassbar intelligent, und Brandur wusste genau, was er brauchte.
Was ich dabei über den Stoffwechsel verstanden habe, hat meinen Blick auf viele Pferde verändert. Durch rationiertes und einseitiges Futter gerät er leicht aus dem Gleichgewicht. Bekommt ein Pferd wieder ein vielseitiges Nahrungsangebot, löst der Körper zunächst schädliche Stoffe aus dem Gewebe. Das zeigt sich manchmal als Wasseransammlung an verschiedenen Stellen. Reichen die Nährstoffe weiterhin, schwemmt der Körper sie aus, und die sogenannten „Pölsterchen“ verschwinden wieder. Oft werden diese Einlagerungen jedoch für Fettpolster gehalten, und die Pferde kommen auf eine noch strengere Diät. Ein Teufelskreis.
Ein großer Dank gilt Maksidas Wissen und ihrem unermüdlichen Einsatz. Sie hat vielen Pferden Leid erspart und ihnen ein gesünderes, glücklicheres Leben ermöglicht.


Drei Stunden über den Sommerberg
Ein paar Wochen später reiste ich mit meinen Freunden Angie und Volker an, um Brandurs Glück und die gelungene Reise zu feiern. Die Beschreibung, die ich gelesen hatte, wurde der Wirklichkeit bei weitem nicht gerecht. Die Ruhe und Weite, die unberührte Natur und die Vielfalt an Tieren, Pflanzen, Kräutern und Bäumen waren schlichtweg überwältigend. Über allem lag spürbar der Geist und das Herz von Maksidas Vision, eine neue, glückliche Pferdewelt zu erschaffen.
„Worte können diese Erfahrung kaum beschreiben, denn nur das Erleben selbst macht den Frieden und das Glück dieses Ortes wirklich greifbar.“
Das Pferdeland war in den Monaten zuvor schon um einige Hektar gewachsen. Die Stadt, Freunde aus der Umgebung und Landwirte hatten immer mehr Land dazugegeben, denn das Experiment weckte zunehmend Aufmerksamkeit und Neugier. Am Tag nach unserer Ankunft wanderten Maksida und Branko mit uns drei Stunden lang über das Sommergelände der Herde, um nur einmal den größten Teil zu umrunden. Erst da begriff ich, wie groß die Fläche wirklich war. Auf dem Papier hatten 240 Hektar nach wenig geklungen. Und auf der anderen Seite des Flusses wartete noch das ganze Wintergebiet darauf, von uns erkundet zu werden. Oben auf dem Sommerberg, mit Blick auf die Gipfel ringsum, erinnerte ich mich an einen Satz, den ich einmal gelesen hatte.
„Innere Freiheit ist äußere Freiheit.“
In diesem Moment wurde mir klar, dass es auch umgekehrt gilt: Äußere Weite kann die innere Weite in uns zum Leben erwecken und den Freiheitsfunken neu entzünden. Unsere Pferde erleben das jeden Tag, mit jeder Faser. Brandurs Blick wirkte schon jetzt offener, wacher und unternehmungslustiger.
Im vierten Teil erzähle ich dir von meiner ersten Begegnung mit den Wildpferden und davon, wie Brandur seine wahre Größe wiedergefunden hat.
Weiterlesen: Freiheit für Brandur, Teil 4: Die Wilden
Selbst erleben: Einmal im Jahr reise ich mit Frauen nach Livno. Frauen und Pferde, Eine Herde
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