Freiheit für Brandur, Teil 4: Die Wilden

von Miyamoto | 23. Oktober 2026 | Freiheit für Brandur

Drei junge Wildhengste, ein Traum auf dem Berg und Brandurs Erinnerung an Island: wie ein Pferd seine wahre Natur wiederfindet.

Im dritten Teil ist Brandur in Livno angekommen. Heute nehme ich dich mit zu den Wildpferden in den Bergen. Und ich erzähle dir, was diese Begegnung in mir und später in Brandur verändert hat.

Ein Morgen bei den Wildpferden

Bei unserem ersten Besuch fuhren wir um 5:30 Uhr mit den Rangern hinauf in das Wildpferdegebiet. Nach etwa einer Stunde Fahrt durch die erwachende Landschaft trafen wir auf die ersten Pferdefamilien. Wir stiegen aus und wurden sofort von der Natur und dem tiefen Frieden der Pferde ergriffen.

Die Tiere standen still beieinander in der Morgendämmerung. Es war noch kalt, und die Pferde und die Wiesen glitzerten, als hätte jemand unzählige Tautropfen über sie gestreut. Langsam stieg die Sonne über den Horizont, und die Luft füllte sich mit einem Duft nach Licht und Kräutern. Es war, als würde die ganze Natur in einem stillen Augenblick aufatmen.

Wildpferde im hohen Gras vor einem Berg bei Livno
Wildpferde in den Bergen bei Livno

Erfüllung ihrer Bestimmung

Zum ersten Mal in meinem Leben begegnete ich freien Wesen, völlig unberührt von menschlichem Einfluss. In ihren Gesichtern lag keinerlei Spur menschlicher Prägung, nur Würde, Ursprünglichkeit, Frieden und Glück. In mir erwachte ein neuer Empfindungsraum, für den ich wochenlang keine Worte fand. Die Weite der Landschaft weitete auch meinen Innenraum und ließ mich wahre Grenzenlosigkeit spüren.

Die Worte Freiheit und wahre Größe wurden in ihrer reinsten Form erfahrbar und durchströmten meinen Körper wie Energiewellen. Als ich schließlich Worte fand, kam mir nur dieser Ausdruck in den Sinn: Erfüllung ihrer Bestimmung. Diese Pferde lebten genau das, was für sie vorgesehen war, voller Freude, Lebendigkeit und tiefem Frieden. Sie hatten ihren Platz in der Natur und in ihrer Familie gefunden.

An diesem Morgen trafen wir mehrere Herden. Wir gingen achtsam zwischen ihnen umher oder saßen still an einem Platz und tauchten in ihre Welt ein.

Viele Bewegungen und feine Interaktionen in den Herden kamen mir vertraut vor. Ich erkannte darin so etwas wie eine universelle Sprache der Pferde, die ich bei allen Herden wiederfand, die ich je beobachtet hatte. Und doch hatte ich diese kraftvolle, ursprüngliche Präsenz bei keinem Pferd in Menschennähe jemals so erlebt.

Jedes Pferd kennt seinen Platz

Eine Herde ist ein Familiensystem mit klaren Strukturen, die jedes Pferd kennt. Jedes Mitglied hat seinen Platz, an dem es sich wohlfühlt, und übernimmt eine Aufgabe, die zu seiner Begabung passt. Spannend finde ich, dass die Leitung bei den Pferden liegt, deren Stärke genau dazu passt, und das sind längst nicht immer die kräftigsten. Pferde spüren genau, welche Aufgabe zu ihnen gehört.

Daraus entsteht der Frieden, den ich in den Herden gespürt habe. Jedes Pferd ist glücklich an seinem Platz und trägt seinen Teil zu einer vollkommenen Familie bei. Junge Pferde probieren mit wachsendem Alter neue Herdenplätze aus und beanspruchen sie mit all ihrer Kraft. Ältere geben ihre Aufgaben und ihren Rang irgendwann an die Jüngeren ab, wenn ihre Kraft nachlässt. Alles dreht sich um das Wohl und das Glück der Herde, frei von Bedauern oder Überheblichkeit.

Durch Maksidas Videos durften wir eine Zeit lang „Einohr“ begleiten, einen kraftvollen schwarzen Hengst. Trotz einiger Verletzungen und eines fehlenden Ohrs führte er seine Familie weiterhin in aller Anmut. Er hat mich tief beeindruckt. Ein Pferd mit Einschränkungen übernimmt zunächst einen Platz, der wenig Kraft erfordert, nutzt seine Energie für die Heilung und genießt den Schutz der Herde. Genau das erleben wir auch bei unseren Halbwilden in Livno.

Drei junge Hengste

Unsere halbwilde Herde in Livno ist an Menschen gewöhnt. Sie kommt gerne, um uns zu begrüßen oder nachzuschauen, ob wir Obst dabeihaben. Ein Wildpferd hat diese Erfahrung nicht. Wenn es Kontakt aufnimmt, geschieht das aus eigener Neugier und eigenem Antrieb.

An diesem Morgen entschieden drei junge Hengste, dass sie mutig genug waren, sich mir zu nähern. Ich stand regungslos und traute mich kaum zu atmen. Sie waren eine verwegene Bande, voller Kraft und Schönheit. Junghengste schließen sich oft zu solchen Gruppen zusammen, manchmal für viele Jahre. Sie fühlten sich sicher miteinander und beobachteten mich genau.

Ich spürte deutlich, wie sie beim Näherkommen in meinem Energiefeld lasen. Mit jedem Schritt sammelten sie mehr Informationen über mich, und die Begegnung fand längst außerhalb unserer Körper statt. Das Feld um uns herum verdichtete sich und begann vor lauter Intensität zu kribbeln. Sie kamen zu dem Schluss, dass ich einfach voller Freude war, sie kennenzulernen.

„Der Jüngste von ihnen blies mir auf die Nase, und ich pustete leicht zurück.“

Der zweite schob seine Stirn unter meine Hand und schloss die Augen. Der dritte stellte sich neben mich und lehnte sich für einen Moment an meine Seite. Ich stand in einer warmen Empfindungswolke, und mir liefen die Tränen über die Wangen. Der Jüngste fing sie mit seiner Nase auf. Dieser Moment dauerte nur wenige Minuten. Sein Nachhall begleitete mich noch viele Wochen.

Mehr Liebe, als ich tragen konnte

Diese sachte Annäherung aus freiem Willen erfüllte mich mit tiefer Ehrfurcht. Kontakt in dieser Form erlebte ich hier zum ersten Mal. Die drei schienen sich gegenseitig zu ermutigen, noch einen Schritt näher zu kommen, bis sie mich berühren konnten. Schließlich verabschiedeten sie sich und zogen weiter.

Später erinnerte ich mich an ein Buch über eine Initiationsreise im alten Ägypten. Es beschrieb, dass unser Körper sich im Erwachsenenalter erst langsam wieder an größere Mengen von Liebe, Glück und universeller Energie erinnern müsse. Ob diese Theorie stimmt, lasse ich offen. In diesem Moment erschien sie mir mehr als nachvollziehbar. Hätten die drei wilden Freunde nicht so dicht bei mir gestanden, wäre ich vor lauter Berührung und Überwältigung einfach in die Knie gesunken. Nach dieser Begegnung fühlte ich mich aufgewühlt, geheilt und ganz.

Die drei haben mich daran erinnert, wie sehr ich die Verbindung und den Austausch im Energiefeld liebe. Ohne Worte wird dabei alles Wesentliche ausgetauscht. In meinen Seminaren nehme ich mir heute bewusst Zeit und Raum, damit die Frauen diese Form der Begegnung selbst erleben können.

Was ich Brandur mitbrachte

Tief beschenkt schwebte ich zurück zum Auto. Einige Stunden später, zurück bei unserer Herde, teilte ich diese Erfahrung mit Brandur. Er stand zehn Minuten ganz still bei mir, mit halb geschlossenen Augen, und nahm die Energie auf, die ich geschenkt bekommen hatte. Es war, als würde sie wie eine Welle durch ihn hindurchfließen, genau so, wie ich es zuvor erlebt hatte.

Seine Herde, allen voran seine wunderschöne Islandfreundin Hera, lebte ihm den Weg der Heilung vor. Sie begleitete ihn liebevoll durch alle Erinnerungen an seine Vergangenheit mit Menschen, die nun an die Oberfläche kamen. Durch die Energie seiner drei wilden Brüder schien er sich zudem an seine Wurzeln und seine Heimat Island zu erinnern. Diese Verbindung zu seinem Ursprung gab ihm die Kraft, langsam Heilung und Frieden zu finden.

Ein Traum und ein Video

Ich lebe mit Brandur eine Verbindung über 1200 Kilometer. Immer wieder spürte ich, wenn er einen neuen Heilungsschritt ging. Ein oder zwei Tage später schickte mir Maksida, ohne dass ich etwas gesagt hatte, ein Video mit dem sichtbaren Beweis. Und jede Veränderung in ihm veränderte auch mich. Je freier er innerlich wurde, desto freier fühlte ich mich.

Eineinhalb Jahre nach seiner Ankunft wachte ich eines Morgens aus einem intensiven Traum auf. Brandur und ich standen allein oben auf dem Berg und blickten auf die schneebedeckten Gipfel. Ich weinte vor Glück, im Traum und noch beim Aufwachen. Am Abend schickte mir Maksida ein Video: Brandur stand ganz allein auf dem Hügel, ruhte vollkommen in sich und schaute in die Weite. Maksida schrieb, dass zum ersten Mal all seine Erinnerungen an Island zurückgekommen seien. Die Luft sei so voller Bilder gewesen, dass sie sich kaum zu bewegen traute.

Seit diesem Tag hat Brandur eine große Schwere abgelegt. Er wirkt leicht und mit sich im Reinen und begegnet jeder neuen Situation mit Neugier und Freude.

Seinen ganzen Weg in die Freiheit erzähle ich in meinem Buch „Freiheit für Brandur“.

Das Wildpferdegesicht

Unsere Wiedersehen nach einigen Monaten verlaufen immer ähnlich. Ich nähere mich Brandur langsam, bleibe in gebührendem Abstand stehen und warte. Bei meinen ersten Besuchen verjagte er die anderen Pferde, damit ich mit meiner vollen Aufmerksamkeit bei ihm war. Einige Monate später bestand er darauf, dass ich nach unserer Begrüßung alle anderen Pferde einzeln begrüße. Da begriff ich, dass er sie alle als seine Familie betrachtete.

Heute erkenne ich bei unseren Halbwilden zwei Gesichter. Das eine zeigen sie uns Menschen, mit all unserer gemeinsamen Geschichte und Liebe. Das andere zeigen sie sich untereinander. Es drückt aus, was sie miteinander erlebt, losgelassen und wiederentdeckt haben.

Als ich dieses Wildpferdegesicht zum ersten Mal bei Brandur sah, rieselte mir eine Glückswelle durch den Körper. Ich spürte ihm gegenüber dieselbe sprachlose Ehrfurcht wie bei den Wildpferden. Bei jeder Wiederbegegnung liest er mich nun ein, zwei Minuten lang, dann taucht langsam sein Menschengesicht auf, und wir begrüßen uns wie gewohnt. Inzwischen sehe ich dieses wilde Gesicht auch bei den anderen Herdenmitgliedern immer deutlicher.

„Er hat sich selbst, seine wahre Natur und seine Größe wiedergefunden.“

Brandurs Heilungsweg begleiten zu dürfen, macht mich zutiefst demütig. Das Wort Dankbarkeit erscheint mir zu klein für das, was ich empfinde. Er schenkt mir die Gewissheit, dass wir alle unseren Weg zur Heilung in uns tragen.

Ein Haus voller Wildpferde

Bei einem späteren Besuch im Sommer erlebten wir eine Begegnung, über die ich heute noch lächeln muss. Die Pferde glänzten und schimmerten in der Sonne, eines anmutiger als das andere. Einige ruhten in kleinen Gruppen etwas abseits. Die Hauptversammlung fanden wir an einem leerstehenden Haus im Rohbau. Knapp einhundert Pferde hatten sich in und um das Gebäude versammelt. Es spendete Schatten, und innerhalb der Mauern blieb es kühl. Immer wieder gab es kleine Streitereien darüber, wer in welchem Zimmer stehen durfte. Einige Pferdeköpfe schauten sogar aus den Fenstern im ersten Stock.

Wir spürten die Erhabenheit der Wildpferde und kicherten zugleich ohne Ende. Die Ranger erklärten uns, dass über 80 % des Wildpferdelandes in Privatbesitz sind. Deshalb stehen dort immer wieder Bauruinen. Die Pferde nehmen, was da ist, und integrieren es in ihr Leben.

Je nach Witterung wissen die Pferde anhand ihrer inneren Landkarte, wo die besten Schatten- und Wasserplätze liegen, und handeln klar und zielsicher. Genau dieses untrügliche Gespür, das Richtige im richtigen Moment zu tun, wünsche ich mir von Herzen. Viele Besucher treten zu schnell, zu nah oder mit Futter an die Pferde heran, und schon das verändert ihren Blick auf uns Menschen. Umso mehr hat es mich beruhigt, dass wir bei diesem Besuch ein wirklich freies und wildes Verhalten beobachten konnten.

Was die Wilden mich lehrten

Die Begegnungen mit den Wildpferden haben mein Verständnis von Freiheit von Grund auf verwandelt.

„Meine Erlebnisse bei den Wildpferden haben mir das wahre Wesen von Freiheit nähergebracht. In dem Moment wusste ich, dass alles, was ich zuvor zu wissen glaubte, nur leere Worte gewesen waren.“

Auf den Gesichtern wild und frei lebender Tiere zeigt sich wahre Freiheit wohl am deutlichsten. Sie wirken schlicht, offen und klar, tief wie Bergseen, und sprühen dabei vor Lebensfreude. Diese Freiheit hat einen Abdruck in mir hinterlassen, einen Samen, der immer weiter keimt und wächst. Die Weite der Wilden wirkte auch dann in mir weiter, als ich wieder zuhause in Deutschland war.

Durch die Wildpferde und unsere Halbwilden habe ich außerdem erkannt, dass Freiheit in Gemeinschaft möglich ist. Lange dachte ich, vollkommene Freiheit sei nur in völliger Einsamkeit zu finden. Die Wilden leben frei und tief verbunden mit ihrer Familie. Innere Freiheit bedeutet für mich heute den Mut, mich vom Leben berühren, durchwirbeln und beschenken zu lassen.

Je mehr unsere Pferde heilen, desto sichtbarer wird ihr Wesen, und sie kehren zu ihrer ungebrochenen wilden Natur zurück. Dieser Ausdruck ist eher von tiefem Frieden geprägt als von ungezügeltem Toben. Natürlich gibt es Augenblicke voller Feuer und Kraftexplosionen, doch sie sind Ausdruck purer Lebensfreude. Bei mir selbst erlebe ich es ähnlich: Je näher ich meiner wahren Natur komme, desto ruhiger werde ich.

Brandur und seine wilden Brüder

Wenn ich heute an jenen ersten Morgen in den Bergen denke, sehe ich, wie sich ein Kreis geschlossen hat. Damals brachte ich Brandur die Energie seiner wilden Brüder mit. Heute trägt er sie selbst in sich.

„Heute, knapp vier Jahre später, strahlt er eine Würde, Kraft und Schönheit aus, die sich kaum von seinen wilden Brüdern unterscheidet.“

Unsere Vision ist in unseren Pferden sichtbar geworden. Sie finden zu ihrer wahren Natur, ihrer Größe und ihrem ursprünglichsten Anteil zurück und drücken sich im Herdenverbund frei aus. Ihre Heilung wirkt über die weite Entfernung bis in unser eigenes Inneres. Wir haben die tiefe Gewissheit, das Richtige für unsere Pferdefreunde und damit auch für uns getan zu haben.

Zum Anfang der Reihe: Teil 1: Ich wollte nie ein Pferd

Lust auf mehr? Wenn dich diese Zeilen berührt haben, erzählt dir mein Buch „Freiheit für Brandur. Eine Reise zur wahren Größe“ die ganze Geschichte: von Brandur, von unserem gemeinsamen Weg nach Livno und von allem, was die Pferde mich dabei gelehrt haben. Du findest es bei Amazon, und ich freue mich, wenn es dich ein Stück begleitet.

Newsletter

Infos zu neuen Terminen

Trag dich ein, und Alma informiert dich über Folgetermine.

Seminare

Wenn du Infos zu Folgeterminen möchtest