Freiheit für Brandur, Teil 2: Der Duft der Freiheit

von Miyamoto | 23. Oktober 2026 | Freiheit für Brandur

Hunger, enge Ställe und ein Strick, der uns beide störte: wie Brandur und ich gemeinsam gelernt haben, was Pferde wirklich brauchen.

Im ersten Teil habe ich erzählt, wie Brandur zu mir kam. Heute geht es um die Jahre danach. Es sind die Jahre, in denen wir beide immer mehr Freiheit geschnuppert haben, und in denen ich vieles über Pferde neu lernen durfte.

Was Hunger mit einem Pferd macht

Im ersten Winter wurde mir klar, dass auf dem Hof zu wenig Futter für zu viele Pferde da war. Der enge Lebensraum verschärfte die Lage. Was mir manchmal als temperamentvoller Charakter beschrieben wurde, war in Wahrheit ein hungriges, gestresstes Pferd, das kaum ausweichen konnte.

Pferde sind Fluchttiere. Im Verhältnis zu ihrer Größe haben sie einen sehr kleinen Magen, damit im Ernstfall genügend Energie für die Flucht bereitsteht. Deshalb sind sie Daueresser und brauchen fortlaufend kleine Mengen Nahrung. Fresspausen von etwa eineinhalb bis zwei Stunden verkraften sie gut. Danach steigt der Stress im Körper, und anhaltender Hunger verursacht Schmerzen, die ein Pferd auf Dauer auszehren und abstumpfen lassen.

Pferde brauchen deshalb Futter in ihrem eigenen Rhythmus. Sie kennen ihren Körper am besten. Und in einer Herde braucht es genügend Futterstellen, damit jedes Pferd, ganz gleich welchen Rang es hat, satt werden kann.

Ein Test mit großer Wirkung

Weil ich das aus Maksidas Buch wusste, machte ich einen Test. Ich mietete für vier Wochen eine Box, in der Brandur nachts so viel Heu fressen durfte, wie er wollte. Boxen sind für ein Flucht und Herdenwesen eine schreckliche Erfindung, das war mir bewusst. Und trotzdem sah ich ihn dort zum ersten Mal tiefenentspannt und glücklich satt.

Der Unterschied war so groß, dass ich sofort begann, einen neuen Hof zu suchen. Dabei öffneten sich mir erneut die Augen für die engen Lebensumstände vieler Pferde. In Deutschland einen Offenstall mit viel Platz und vor allem viel Weide zu finden, ist eine echte Herausforderung. Wir Menschen übertragen unsere eigene innere Enge oft unbewusst auf unsere Tiere.

Ein Beispiel aus meinem Buch hat mir selbst lange zu denken gegeben: Ein Pferd braucht mindestens einen Hektar Land, damit es überhaupt einen Sinn darin sieht, sich zu bewegen und seinen Wandertrieb zu leben. Das stumpfe Herumstehen auf kahlen Paddocks hat mit Entspannung wenig zu tun. Es ist ein Zeichen von Resignation.

Irrtümer, die ich lange glaubte

Auf der Suche nach einem neuen Hof hörte ich von Hofbesitzern und Pferdemenschen immer wieder dieselben Sätze. Pferde fühlen sich wohl in ihrer Box, dort haben sie endlich Ruhe und Zeit für sich. Bewegung und Abwechslung bekommen sie ja beim Reiten. Kahle Paddocks sind kein Problem, weil Pferde ohnehin nur herumstehen, und spielen können sie auch auf engem Raum. Zu viel Weide macht dick und krank, denn Gras gilt als die größte Gefahr überhaupt. Pferde sollen schlank und sportlich sein und abgemessene Portionen bekommen, weil sie angeblich selbst nicht wissen, wann sie genug gefressen haben. Und auf der Weide können sie Giftpflanzen kaum von bekömmlichen Pflanzen unterscheiden.

Erstaunlich nur, dass Wildpferde so lange überlebt haben.

Ich gebe offen zu: Viele dieser Theorien habe ich selbst lange geglaubt. Heute staune ich darüber, wie sehr wir Menschen von unserer eigenen Natur entfremdet sind und damit auch die Pferde von ihrer Natur trennen. Unsere starren Vorstellungen von Leben, Gesundheit und Fitness übertragen wir auf sie, oft samt all der unerfüllbaren Ansprüche, die wir an uns selbst stellen.

Pferde haben die große Gabe, eine Situation so zu nehmen, wie sie ist, und das Beste daraus zu machen. Doch haben sie eine Wahl? Wer sich einmal mitten in eine eingesperrte Herde stellt und mit den Pferden mitfühlt, wird von einer schweren Welle aus Trauer und Verzweiflung erfasst. Die Tränen kommen dann ganz von allein.

Weite grüne Hügellandschaft unter blauem Himmel mit Wolken
Weite, die zum Wandern einlädt

Ein Bericht, der mich wachrüttelte

Eines Tages drückte mir eine Pferdebesitzerin einen Bericht in die Hand, den sie aus einer Zeitschrift kopiert hatte. Darin ging es um eine zweijährige Untersuchung. Reiter wurden regelmäßig gefragt, was ihnen das Reiten wirklich schenkt. Im Mittelpunkt standen zwei ehrliche Antworten. Die eine sagte sinngemäß, das Leben sei so anstrengend, dass man einfach einmal getragen werden möchte. Die andere sagte, wer den eigenen Schmerz und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben erfolgreich unterdrückt, spürt auch das Unbehagen nicht, das er einem anderen Wesen zufügt.

Mir lief eine Gänsehaut von gefühlt acht Metern über den Körper. Ich dachte an die vielen Reiter, die ich begleitet hatte und die genau das hätten bestätigen können. Verurteilen konnte ich niemanden, denn ich war selbst jahrelang in diesem inneren Nebel gefangen. Es hat Zeit und Mut gebraucht, bis ich das Reiten überhaupt in Frage stellen konnte. Als ich es dann hinterfragt hatte, folgte das vollständige Loslassen fast von allein.

Genau deshalb erlaube ich mir heute klare Worte. Ich möchte wachrütteln, so wie ich selbst wachgerüttelt wurde, und zwar für die Pferde.

Die Freiheit, die wir schenken

Ich habe selbst viele Jahre an alten Vorstellungen über Pferde festgehalten. Ich kenne die Gefühle, die mit dem Reiten verbunden sind, und weiß, wie viel Mut es braucht, sie ehrlich anzuschauen. Pferde sind die mitfühlendsten Wesen, die ich kenne. Sie spüren unseren Schmerz und unsere Unzufriedenheit, auch wenn wir selbst sie gut verborgen halten. Und sie nehmen uns mit all unserem Licht und Schatten an, so wie wir sind.

Sie spiegeln uns alles, was hinter unseren Masken und Rollen liegt, und verurteilen uns dabei nie. Ihre Art, uns zu sehen und vorbehaltlos anzunehmen, tröstet uns auf einer tiefen Ebene. Sie schenken uns etwas, das wir uns von anderen Menschen sehnlichst wünschen oder in unseren Familien schmerzlich vermissen. Vielleicht fällt es uns genau deshalb so schwer, sie loszulassen und ehrlich hinzuschauen, was unser Leben mit ihnen für sie bedeutet.

„Die Freiheit, die wir schenken, gibt uns selbst die Freiheit zurück.“

Unsere Pferde innerlich von all den Bedürfnissen freizugeben, die wir auf sie übertragen haben, ist eines der größten Geschenke, die wir ihnen machen können. Was wir dafür zurückbekommen, ist überwältigend. Das spüren wir allerdings erst, wenn wir es tun.

Ein Hauch von Freiheit

Im Sommer 2018 fanden wir einen neuen Stall, der sich als Fehlgriff entpuppte. Ein knappes Jahr später zogen wir in einen kleinen Offenstall in der Nähe. Dort spürte ich zum ersten Mal einen Hauch von Freiheit. Vier Pferde teilten sich 1,5 Hektar Weide, und es gab rund um die Uhr Heu. Endlich war Brandur satt, und zwar so, wie es sich gehört: jederzeit.

In den ersten Tagen rannte er mit seiner kleinen Herde den Hang hinauf und hinunter, stand mit ihnen oben und schaute in die Ferne, so weit er konnte. Sein Körper begann sich zu entspannen, und die wachsame Grundspannung aus dem engen Stall ließ langsam nach.

„Das Lustige am Duft der Freiheit ist, je mehr du davon schnupperst, desto größer wird das Bedürfnis danach.“

Genau das geschah. Nach einem halben Jahr waren wir beide innerlich schon wieder herausgewachsen. Meine Nervenentzündung klang ab, und wir unternahmen immer längere Wanderungen. Je länger sie wurden, desto weniger wollte Brandur grasen. Er wollte laufen, immer weiter. Seine kleine Herde mochte er sehr, er spielte mit ihnen und blühte auf. Und doch wurde sein Wandertrieb von Woche zu Woche stärker.

Fuchs und Schimmel schmiegen ihre Köpfe aneinander
Nähe in der Herde schenkt Halt

Der Strick zwischen uns

Auf einer dieser Wanderungen wurde mir etwas Wesentliches bewusst. Ein Pferd, das ohnehin zu wenig Platz hat, am Strick zu führen, ist ein Zeichen von Einschränkung. Ich spürte eine tiefe Zerrissenheit in mir: Auf der einen Seite stand das Gefühl, die Kontrolle zu haben. Auf der anderen Seite war da mein Unbehagen, denn eigentlich wollte ich diese Kontrolle gar nicht.

Ich träumte davon, frei mit ihm zu wandern, so wie ich es von anderen gehört hatte. Unserer Verbindung vertraute ich, und gleichzeitig fragte ich mich, ob ich ihn bei seinem Tempo wiederfinden würde. Er war so selbstständig, er wäre überall gut zurechtgekommen. Auf dem Heimweg gab es Diskussionen, manchmal verlor ich die Geduld und entschuldigte mich gleich danach wieder. Wie hätte ich ihm seinen Freiheitsdrang übelnehmen können? Mir ging es ja genauso.

Sein sehnsuchtsvoller Blick, wenn ich ihn im Offenstall zurückließ, ging mir jedes Mal ans Herz. Es war schöner als in allen Ställen davor. Für echte Heilung reichte es trotzdem noch nicht.

Was Freiheit für Pferde bedeutet

Vor dreißig Jahren hätte ich diese Zerrissenheit kaum verstanden. Damals waren Pferde für mich zum Reiten und Arbeiten da. Ich liebte sie als würdevolle, anmutige Freunde, und doch lebten sie, wie bei den meisten Pferdebesitzern, geparkt in einer schönen Box oder in einem Offenstall mit ein wenig Weide. Immer in der Nähe, jederzeit verfügbar.

Heute sehe ich, wie viele Pferde das Reiten notgedrungen als Abwechslung annehmen. So kommen sie wenigstens für eine Weile aus dem beengten Offenstall, der Box oder dem winzigen Paddock heraus. Stell dir einmal vor, du wärst 20 Stunden am Tag in einem Zimmer eingesperrt. Dann ahnst du, wie wenig das mit Freiwilligkeit zu tun hat.

Ein Pferd weiß genau, was kommt, sobald es uns sieht. Pferde nehmen viel mehr wahr, als wir erahnen. Sie spüren bei aller Liebe, dass sie meist wenig Mitspracherecht haben und ihre Wünsche selten berücksichtigt werden. Ob sie wirklich Lust haben, spielt oft keine Rolle.

„Die Pferde in ihrem Stall-Gefängnis sind ein deutlicher Spiegel für unser eigenes Lebensgefängnis.“

Wahre Freiheit zeigt sich am deutlichsten auf den Gesichtern wild und frei lebender Tiere. Sie wirken schlicht, offen, klar und tief wie Bergseen und sprühen vor Lebensfreude. Diese Wesen ruhen in sich selbst, in ihrer Gemeinschaft und in der Natur um sie herum. Auch Menschen und Tiere, die durch tiefe Heilungsprozesse gegangen sind, können diese innere Freiheit gewinnen. Sie haben abgelegt, was eng und beschwerlich war, und das hinterlässt Spuren in ihrem Gesicht und in ihren Augen.

Ich bin heute zutiefst überzeugt, dass Reiten und die Haltung auf engem Raum Körper und Seele eines Pferdes schaden. Brandur hat seine Freiheit und ein selbstbestimmtes Leben genauso verdient wie ich. Lange trug ich eine Vision in mir, inspiriert von all den gefangenen und traurigen Pferden, die ich kennengelernt hatte: Wenn ich eines Tages wenigstens einem meiner Pferdefreunde die Freiheit schenken könnte, wäre das ein Impuls, der allen Pferden Mut macht.

Ein Buch und eine Mail nach Bosnien

In dieser Zeit las ich zum zweiten Mal das Buch „Befreie Dein Pferd, befreie Dich selbst“ von Dr. Maksida Vogt. Diesmal löste es eine Lawine in mir aus. Ich war bereit, die tiefere Botschaft zu verstehen: Pferde brauchen Freiraum. Brandur sollte wahre Freiheit erleben. Nur wie?

Beim ersten Lesen, Jahre zuvor, war ich einfach glücklich gewesen, einen Menschen mit ähnlichen Gedanken zu finden, der wie ich das Reiten aufgegeben hatte. Maksida forscht seit Jahren an den bosnischen Wildpferden. In ihrem Buch beschreibt sie ihren Weg vom Reiten zum Nichtreiten und schließlich zum Freigeben ihres Pferdes, und die große Befreiung, die sie dabei selbst erlebte. Am Ende erzählt sie voller Zuversicht von ihrer Vision:

„Ich möchte eine neue Pferdewelt erschaffen, in der die Pferde frei von jeglicher Nutzung sind und auf Basis ihres freien Willens mit den Menschen zusammenleben. In der sie ein selbstbestimmtes Leben führen und ihre wahre Natur wiederentdecken können.“

Ich schrieb Maksida eine Mail, erzählte ihr von Brandur und mir und fragte, ob sie einen Hof in Deutschland kenne, der Pferden mehr Raum schenkt. Sie antwortete sehr verständnisvoll und lud mich in ihre Facebook-Gruppe ein, in der sich Menschen mit ähnlichen Gedanken austauschen. Eigentlich wollte ich nie auf Facebook sein, aber es hat sich mehr als gelohnt. Einen passenden Hof fand ich dort zunächst nicht. Dafür fühlte ich mich mit meinen ungewöhnlichen Gedanken endlich verstanden und bekam viel Inspiration und Unterstützung.

Dort sah ich zum ersten Mal Maksidas Bilder der bosnischen Wildpferde. Sie gelten als einzige wirklich wilde Pferdeherde der Welt. Die Herde ist aus freigelassenen Hauspferden entstanden und lebt ganz ohne menschliches Eingreifen. 2016 waren es noch etwa 400 Tiere. Heute sind es rund 1000 Pferde auf 145 Quadratkilometern, ohne Zäune, gemeinsam mit Wölfen, Bären und vielen anderen wilden Schönheiten. Als ich die Fotos sah, bekam ich Gänsehaut und Tränen in den Augen. Ich konnte nur erahnen, wie frei sich diese Pferde fühlen mussten.

Wie aus dieser Gänsehaut eine Reise wurde, erzähle ich dir im dritten Teil.

Weiterlesen: Freiheit für Brandur, Teil 3: Die Reise nach Livno

Lust auf mehr? Wenn dich diese Zeilen berührt haben, erzählt dir mein Buch „Freiheit für Brandur. Eine Reise zur wahren Größe“ die ganze Geschichte: von Brandur, von unserem gemeinsamen Weg nach Livno und von allem, was die Pferde mich dabei gelehrt haben. Du findest es bei Amazon, und ich freue mich, wenn es dich ein Stück begleitet.

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