Freiheit für Brandur, Teil 1: Ich wollte nie ein Pferd

von Miyamoto | 23. Oktober 2026 | Freiheit für Brandur

Wie Brandur in mein Leben kam: ein Anruf im Mai 2017, ein Satz meines Mannes und ein Pferd, das ich vor dem Kauf nie gesehen hatte.

„Warum hast du eigentlich ein Pferd, wenn du es nicht einmal reitest?“ Diese Frage höre ich bis heute. Die ehrliche Antwort beginnt mit einem Satz, den ich mir selbst viele Jahre lang gesagt habe: Ich wollte nie ein Pferd.

In meinem Buch „Freiheit für Brandur“ erzähle ich, wie mein Islandwallach Brandur und ich uns gegenseitig die Freiheit geschenkt haben. In dieser Reihe teile ich die wichtigsten Stationen dieser Reise mit dir. Heute geht es um den Anfang: um meinen Weg zu den Pferden, um einen Anruf, einen Satz und ein Pferd, das ich vor dem Kauf kein einziges Mal gesehen hatte.

Tiere waren meine Geschwister

Meine Geschichte mit Pferden begann lange vor Brandur. In meiner Familie hatte niemand Erfahrung mit Pferden. Ich wuchs mit Hunden, Katzen, Hasen und Meerschweinchen auf. Meine einzige Freundschaft zu einem Esel oder Pferd war die kuschelige, graubraune Dorfeselin „Lise“, die einem Bauern in unserem schwäbischen Heimatort gehörte. Pferde waren für mich anmutige, exotische Wesen in weiter Ferne.

Unsere Tierfreunde dagegen waren für mich wie zusätzliche Brüder und Schwestern. Ich spielte mit ihnen, stritt und vertrug mich wieder, und ich hörte und spürte ganz selbstverständlich, was sie mir erzählten. Menschen wirkten auf mich oft „blickdicht“ und unberechenbar. Bei den Tieren fühlte ich mich immer zuhause.

„Sie wollten nichts von mir, nahmen mich so, wie ich war, und wir schenkten uns freiwillig so viel.“

Mein erster bewusster Kontakt mit einem Pferd war eine Reitstunde, die mir meine Eltern in einem Nordseeurlaub schenkten. Man setzte mich auf eine wunderschöne, große, schwarze Stute, und kaum saß ich oben, stürmte sie vor lauter Schreck davon. Ich krallte mich an allem fest, was ich an ihr fand. Als ich Minuten später endlich absteigen durfte, hatte ich Puddingknie und mir war richtig schlecht. Meine Liebe und Bewunderung für Pferde wuchs trotzdem, weiterhin aus der Ferne.

Ein Tag unter Islandpferden

Das änderte sich, als mich eine Freundin der Familie einen ganzen Tag lang auf ein großes Islandpferdegestüt mitnahm. Sie behandelte dort die Pferde. Für mich war dieser Tag ein Bad in Heu, Pferdeduft und lauter plüschigen Wesen, die gekrault werden wollten. Ich spürte zum ersten Mal meine besondere Verbindung zu den Islandpferden: ihre feine Kommunikation in der großen Herde, ihre Offenheit und Neugier und den Hauch von Wildheit, den sie ausstrahlten. An diesem Tag hörte ich auch zum ersten Mal, dass die meisten von ihnen in Island aufwachsen und dann nach Deutschland importiert werden.

Beim dritten Pferdepatienten fragte mich meine Begleiterin nach meinem spontanen Eindruck. Ich spürte in meinem eigenen Körper, was im Pferdekörper los war, an genau der gleichen Stelle und mitsamt der dazugehörigen Emotion. Sie prüfte meine Eindrücke mit ihren Methoden nach, und sie trafen fast immer zu. Am Abend fühlte ich mich so beseelt und beflügelt wie selten in meinem Leben. Wie sich dieses Spüren anfühlt, erzähle ich ausführlicher im Beitrag Berührung, die nichts will.

Aus diesem Tag wurde mein Weg. Ich kam regelmäßig wieder auf diesen Hof mit seinen damals rund 450 Pferden, und über die Jahre behandelte ich Pferde und Menschen im ganzen süddeutschen Raum. Ich ritt auch, ganz selbstverständlich, denn so kannte ich es.

Abschied vom Reiten

Je länger ich Pferde behandelte, desto klarer zeigten sie mir, wie es ihnen wirklich ging. Meine Freude am Reiten und an der Bodenarbeit wurde leiser, und ich erfand ständig Ausreden, um mich davor zu drücken. Bei einer Behandlung wurde mir schließlich klar, dass jeder Schmerz dieses Pferdes durch die Verkrampfung und das Gewicht seines Reiters entstanden war.

Ich beschloss, mich erst dann wieder auf ein Pferd zu setzen, wenn ich vollkommen locker wäre. Ich tanzte und beobachtete mich wochenlang. Dann stellte ich mir die ehrliche Frage: Wann bin ich jemals ganz ohne Spannung? Ich ließ das Reiten innerlich los und stieg nach meinem Umzug zurück nach Süddeutschland ganz aus der Reiterwelt aus. Das erleichterte mich ungemein.

Die Pferde spürten diesen neuen Freiraum sofort. Drei Wochen lang fluteten sie mich mit allem, was sie beim Reiten, durch knappes Futter und in engen Ställen erlebten. Ich weinte viel. Eleftherios gab mir schließlich den Anstoß, weiter zu behandeln: Es würde den Pferden helfen, wenn jemand ihren Schmerz wirklich wahrnimmt. Er hatte recht. In dieser Zeit traf mich auch das Buch „Befreie dein Pferd, befreie dich selbst“ von Dr. Maksida Vogt. Es machte mir Mut, etwas Neues zu wagen.

Stillgelegt auf dem Sofa

Aus diesem neuen Blick wuchs mein Wunsch nach Seminaren, in denen sich Menschen und Pferde einfach als Wesen und auf Augenhöhe begegnen, ohne Reiten, ohne Longe, ohne Ziel. Mit einer Freundin gab ich ein erstes eintägiges Seminar und nannte es „Mit Pferden Sein“. Am Ende strahlten alle, auch die Islandpferde. Ich spürte: Das ist meine Seelenberufung.

Als dann die Frage nach mehrtägigen Seminaren kam, rollte ein ganzer Felsen dunkler Selbstzweifel in mir los. Was konnte ich schon weitergeben? Ich hatte schlicht die Hosen voll.

„Dann half mir das Leben, indem es mir Zeit schenkte. Viel Zeit.“

Eine schmerzhafte Nervenentzündung im Arm legte mich monatelang auf dem Sofa still. Es wurde eine der längsten Krisen- und Transformationsphasen meines Lebens. Ich lernte, um Hilfe zu bitten und die Liebe meiner Seelenfamilie anzunehmen. Mein Bild von der unerschöpflich starken Alma, die alles alleine schafft, zerbrach. Erst jetzt war ich offen genug für das, was kommen sollte. Und genau in diesem Augenblick hielt das Leben noch eine Überraschung für mich bereit.

Ein Anruf im Mai 2017

Im Mai 2017 stand ich noch ganz am Anfang dieser Nervenentzündung. Stehen verstärkte den Schmerz, nur im Liegen war er einigermaßen erträglich. Also lag ich viel auf dem Sofa, wartete auf Besserung und schaute aus dem Fenster. Telefonieren ging nur über den Lautsprecher, und mein Mann Eleftherios hörte an seinem Schreibtisch jedes Gespräch mit.

An einem dieser Tage rief mich eine Freundin an. Sie führte mit ihrem Mann einen Islandpferdehof, bot Reitunterricht und therapeutisches Reiten an, und ich hatte in den Jahren davor einige ihrer Pferde behandelt. Sie erzählte mir die Geschichte einer Klientin, die sich in einen Wallach verliebt und ihn gekauft hatte. Eine Zeit lang waren die beiden glücklich miteinander. Dann entschied sich die Frau, das Pferd zu verkaufen und den Hof zu verlassen. Den Grund dafür kannte niemand. Meiner Freundin brach es das Herz, denn der Wallach hatte ein zauberhaftes Wesen und litt sichtlich unter der Situation.

Ich hörte zu, fühlte mit und versprach, mich in meinem Bekanntenkreis nach einem guten Zuhause für ihn umzuhören.

Ein Satz wie ein Donnerschlag

Zehn Minuten lang war es still im Raum. Dann sagte Eleftherios einen Satz, der mein Leben verändert hat: Ich liege krank auf dem Sofa und kann nicht arbeiten. Aber wenn ich Seminare mit Pferden geben möchte, wäre es dann nicht schlau, selbst ein Pferd zu haben?

Dieser Satz schlug bei mir ein wie eine Bombe. Ich saß plötzlich kerzengerade auf dem Sofa, mit Herzrasen, Schweißausbruch und wedelnden Händen.

„Das geht auf keinen Fall! Was für eine blöde Idee! Ich wollte nie ein Pferd, dem werde ich doch niemals gerecht!“

Mein Puls blieb drei Tage lang bei gefühlt 180. Ich vergaß die Schmerzen und sogar, dass ich krank war. Der Zeitaufwand und die Kosten erschienen mir wie riesige Berge, und gleichzeitig ließ mich die Idee nicht mehr los. Ein Teil von mir wusste längst Bescheid: Das Leben hatte entschieden, mein Gefährte hatte es angestoßen, und nun hieß es, mit offenen Augen weiterzugehen. Tagelang lebte ich in einem panisch freudigen Zustand, einer wirklich schrägen Mischung.

Ein Pferd, das ich vorher nie gesehen hatte

Mit flauem Magen rief ich die Besitzerin an. Zu unserer Überraschung kannten wir uns bereits, von einem meiner eintägigen Seminare, auf dem wir eine schöne Begegnung miteinander erlebt hatten. Sie fragte mich, was ich mit ihrem Wallach vorhabe. Ich antwortete ehrlich: Er soll in seiner Herde leben. Wir gehen spazieren, grasen und machen allerhand Unfug, und den Sattel samt Zubehör verschenke ich.

Sie prustete vor Lachen los und beschloss spontan, ihn nur an mich zu verkaufen. Da war er wieder, mein Puls von 180. Ihre Preisvorstellung lag weit über meinem Budget, also nannte ich ihr die Summe, die ich angespart hatte. Nach zwei Tagen Bedenkzeit war sie einverstanden und faxte mir den Kaufvertrag. Wir hatten ein neues Familienmitglied.

Erst dann fiel mir auf, dass ich den neunjährigen Wallach namens Brandur noch nie gesehen hatte. Vor lauter Aufregung hatte ich sogar die Farbbeschreibung im Vertrag überlesen. In der Nacht vor unserer ersten Begegnung träumte ich von ihm, und in meinem Traum war er flauschig und dunkelbraun. Auf dem Hof drückte man mir dann einen großen, flauschigen Grauschimmel in die Hand. Ich musste lachen. Auch die Pferde und das Universum erlauben sich manchmal einen Spaß.

Seine freundliche, ruhige Art berührte mich vom ersten Moment an. Dass wir von nun an unser Leben teilen würden, habe ich erst Wochen später wirklich begriffen.

Die Hufeisenzeit ist vorbei

Als Erstes erklärte ich Brandur, dass seine Hufeisenzeit vorbei ist. Ich würde weder reiten noch mit ihm arbeiten. Er sollte einfach in seiner Wallachherde leben, sein Leben genießen und all das loslassen, was Menschen bisher von ihm wollten.

Es dauerte Wochen, bis sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Anfangs sah ich ein verdrießliches „Ich weiß, was mich gleich erwartet“, sobald ich auf die Weide kam. Nach und nach wurde daraus ein entspanntes „Hm, die will ja gar nichts von mir“. Es war, als müsste er erst wieder zu all den Gefühlen zurückfinden, die er in der Zeit des Reitens und Arbeitens hinuntergeschluckt hatte. Er blieb freundlich, zog sich aber tief in sich und in die Herde zurück und zeigte mir sehr deutlich, was er von Menschen hielt.

Natürlich hatte ich mir in meinem eigenen desolaten Zustand etwas anderes gewünscht. Und gleichzeitig freute ich mich von Herzen für ihn. Er traute sich endlich, ehrlich zu zeigen, wie es ihm ging. Ich selbst steckte mitten in einem ähnlich wahrhaftigen Neufindungsprozess. Mir war klar, dass er genau diesen Abstand brauchte, um innerlich und äußerlich zu heilen.

Was ein Import mit einem Pferd macht

Brandur war als junges Pferd aus Island nach Deutschland gekommen. Dieser Import hatte ein tiefes Trauma in ihm hinterlassen. Als seelische und körperliche Antwort darauf hatte er unter anderem das typische Sommerekzem entwickelt, eine allergische Hauterkrankung, die so heftig jucken kann, dass am Ende das offene Fleisch zu sehen ist. Abgesehen von einer stoischen Freundlichkeit zeigte er kaum Gefühle.

Viele importierte Pferde entwickeln starke Symptome, ganz gleich, aus welchem Land sie kommen. Oft wird das allein mit dem neuen Klima erklärt. Ich habe etwas anderes erlebt: Pferde verbinden sich zutiefst mit ihrer Herde und der Natur, in die sie hineingeboren werden. Werden sie aus dieser Umgebung herausgenommen, kann dieser Schmerz ein ganzes Pferdeleben überschatten. Aus einem fröhlichen, starken Pferdewesen wird dann leicht ein braves Reittier, das geliebt wird, weil es so problemlos mitmacht. Diese stille Anpassung wird oft mit Glücklichsein oder sogar mit Liebe zum Reiter verwechselt.

„Pferde sind keine Importware!“

Wer sich einmal traut, einem Pferd mit vollem Spürbewusstsein in diesen Schmerz hinein zu folgen, trägt die Narben dieses Pferdeherzens für immer im eigenen Herzen mit. So ging es mir mit Brandur, und diese Erfahrung hat vieles in mir in Bewegung gebracht.

Mitten in der Herde

Weil ich wegen meiner Nervenentzündung nicht arbeiten konnte, hatte ich viel Zeit. Ich verbrachte sie mit der Herde, auf der Weide und im Offenstall. Ich saß an unterschiedlichen Plätzen inmitten der Pferde, beobachtete sie und spürte ihre feinen Interaktionen. Dabei erkannte ich, dass eine Herde wie ein einziger Energieorganismus funktioniert. Auch mir wiesen die Pferde mit der Zeit einen eigenen Platz zu und banden mich in ihren Informationsaustausch ein.

Brandur und ich kamen uns langsam näher. Er entwickelte eine zaghafte Neugier, wer ich eigentlich war. Ich brachte ihm Obst, Gemüse, Hafer und Sonnenblumenkerne, und das in immer größeren Mengen. Am liebsten mochte er Bananen, viele Kilos davon. Maksidas Buch mit seinen Hinweisen zum Nährstoffbedarf von Pferden war mir dabei eine große Hilfe.

Entgegen aller mahnenden Stimmen besserte sich sein Ekzem dadurch zum ersten Mal. Je mehr er seine Defizite ausgleichen und einfach in seiner Herde sein durfte, desto munterer und kräftiger wurde er. Die ersten Heilungsschritte waren getan.

Was ich heute weiß

Pferde wissen genau, was sie brauchen. Mein Vertrauen in sie ist heute grenzenlos. Damals stand ich noch ganz am Anfang dieses Weges, mit einem Pferd, das ich nie gewollt hatte, und mit einem Herzen, das es längst angenommen hatte.

Im zweiten Teil erzähle ich dir, warum das Lustige am Duft der Freiheit ist, dass das Bedürfnis danach immer größer wird, und wie Brandur und ich gemeinsam gelernt haben, was Pferde wirklich brauchen.

Weiterlesen: Freiheit für Brandur, Teil 2: Der Duft der Freiheit

Lust auf mehr? Wenn dich diese Zeilen berührt haben, erzählt dir mein Buch „Freiheit für Brandur. Eine Reise zur wahren Größe“ die ganze Geschichte: von Brandur, von unserem gemeinsamen Weg nach Livno und von allem, was die Pferde mich dabei gelehrt haben. Du findest es bei Amazon, und ich freue mich, wenn es dich ein Stück begleitet.

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