Einfach sein: Was Pferde uns lehren

von Miyamoto | 22. Oktober 2026 | Blog

Nichtstun und Nicht-tun sind zwei verschiedene Dinge. Pferde sind Meister darin, im Jetzt zu sein und genau das zu tun, was gerade nötig ist.

Lange Zeit konnte ich Sein und Tun kaum auseinanderhalten. Ich spürte mich durch Aktivität, und sobald ich nichts Sinnvolles tat, meldete sich das schlechte Gewissen. Die Pferde haben mir gezeigt, was Einfach-Sein wirklich bedeutet. Heute ist es für mich eine der kostbarsten Erfahrungen überhaupt.

Was ist dieses Sein?

Dichter, Forscher, Künstler und Heilerinnen haben sich zu allen Zeiten mit dieser Frage beschäftigt. Schon als Jugendliche hat sie mich bewegt: Gibt es im Leben eines jeden Menschen einen Moment, in dem er begreift, dass es mehr gibt als das, was wir sehen? Ich bin mir sicher, dass es so ist.

Für mich gehört diese Erkenntnis zu einem ganz natürlichen Reifeprozess des Älterwerdens. Wir ahnen, dass hinter unserem Körper, unserer Persönlichkeit und unserer sichtbaren Welt etwas Größeres liegt, in dem unsere Seele und unser Wesen beheimatet sind.

Denk an den weiten, offenen Blick eines Neugeborenen. Er scheint geradewegs durch uns hindurchzugehen, an einen Ort hinter uns. In unseren Zellen ist die Erinnerung gespeichert, dass wir selbst einmal so geschaut haben. Diesen Zugang verlieren wir nie. Wir vergessen ihn nur eine Zeit lang. In der ersten Lebenshälfte kommen wir ganz im Körper an. Die zweite Lebenshälfte, so empfinde ich es, lädt uns ein, unser Wesen auch jenseits des Körpers wahrzunehmen.

Bewusstsein erschafft Form

Viele weise Menschen haben über die Kraft des gegenwärtigen Moments geschrieben, allen voran Eckhart Tolle. Sie beschreiben ein allumfassendes Bewusstsein, das unseren Körper wie ein feines Gewebe durchzieht und ihm Leben schenkt. Für mich war es schon immer die einzig stimmige Erklärung, dass vor dem ersten Herzschlag ein Impuls unseres Bewusstseins steht.

Genau das begegnet mir in meinen Behandlungen. Das Wort In-Form-ation erzählt es schon: Unser Bewusstsein erschafft Form, in die gesunde wie in die kranke Richtung. Nach fast dreißig Jahren Heilkunst kann ich nur bestätigen, wie viel unser Bewusstsein zu unserer Heilung beiträgt. Und es ist für mich jedes Mal ein magischer Moment, wenn gelesenes Wissen plötzlich erlebbar wird.

Nichtstun und Nicht-tun

Erst in den Seminaren meines Seelenbruders Karl erkannte ich, dass ich mit meiner ständigen Aktivität vor mir selbst und vor der Größe meines Seins davonlief. Ich hatte Angst vor dem, was ich entdecken könnte, wenn ich innehalte, einfach da bin und nichts tue. Vielleicht würde mich all das unbekannte „Gruselige“ einholen, vor dem ich ständig fortlief, was auch immer das sein mochte. Ich war geprägt von einer Gesellschaft rennender Menschen, in der Einfach-Sein wenig Ansehen hat.

Karl erklärte mir einen Unterschied, der mein Leben verändert hat. Nichtstun kann passives, kraftloses Erdulden sein. Nicht-tun dagegen ist ein friedvoller, wacher und zutiefst lebendiger Zustand, der jederzeit in Aktivität übergehen kann, wenn es nötig ist. In den asiatischen Kampfkünsten heißt dieser Zustand Wu-Wei: im richtigen Moment tun und im richtigen Moment nicht tun, vollkommen aufmerksam im Jetzt.

In Karls Seminaren über Körperintelligenz haben wir genau das tagelang durchgespielt: das einfache So-Sein, die Situation annehmen und in jeder Lage das Nötige tun. Es hat sich tief in mir verankert. In einer großen Krise meines Lebens konnte ich darauf zurückgreifen, und es schenkte mir trotz aller Angst ein tiefes Vertrauen in den Prozess und in mich selbst.

„Je länger ich mich mit dem Konzept des Wu-wei beschäftigte, desto sicherer wurde ich: Pferde sind wahre Meister darin.“

Die Qualität des Einfach-Seins ist für mich eine zutiefst weibliche Qualität. Sie wohnt jedem Körper inne, dem weiblichen genauso wie dem männlichen.

Frau sitzt im Gras bei zwei liegenden Pferden
Einfach da sein, mitten in der Herde

Die Herde holt uns ins Jetzt

Plötzlich verstand ich, warum mir dieser Zustand so vertraut war. Ich kannte ihn seit meiner Kindheit, aus der Zeit mit Tieren und besonders mit Pferden. In einer Herde verhielt ich mich selten anders. Eine Herde lädt dich ein, im Jetzt zu sein und genau das zu tun, was gerade notwendig ist. Sobald ich mit meinen Gedanken woanders war, holten mich die Pferde innerhalb von Sekunden zurück.

Ein Phänomen begleitet mich bis heute: Sobald ich Tiere sehe, werde ich leicht und heiter. In mir hebt sich etwas, und ich beginne zu lächeln. Die erwachsene Alltagsernsthaftigkeit wandelt sich in Freude, sobald Tiere in meiner Nähe sind. Ihre Offenheit und ihr So-Sein stecken mich an und bringen mich zu mir, in den Zustand, in dem sie selbst in jedem Augenblick leben.

In diesem Zustand wirken wir klar und durchschaubar. Von uns geht keine Gefahr aus, und die Tiere nehmen uns ganz selbstverständlich in ihren Herdenorganismus auf. In einer Herde schenken Echtheit, So-Sein und Präsenz Sicherheit. Jeder kann jeden lesen.

Selbst wenn wenig sichtbare Aktivität stattfand, war jeder Moment mit den Pferden erfüllt von Lebendigkeit und innerer Bewegung, die wir miteinander teilten. Mit Menschen fiel mir das lange schwerer, und erst Jahre später erkannte ich den Grund.

Die vielen Jahre mit Pferden und anderen Tieren waren eine natürliche Schulung, deren Tiefe mir erst in Karls Seminaren bewusst wurde. Endlich hatte ich Worte für etwas, das die Pferde mich gelehrt hatten, und eine tiefe Dankbarkeit erfüllte mich.

Im Jetzt und doch weitsichtig

Wie tief dieses Leben im Augenblick reicht, beobachte ich heute bei unseren Herden in Bosnien. Die Pferde durchwandern dort, wie ihre wilden Brüder und Schwestern, weite Gebiete und spüren genau, was sie selbst und was die Natur gerade brauchen. Sie ahnen sogar, was im kommenden Jahr wichtig sein wird.

„Sie leben selbstverständlich im Jetzt und haben dennoch eine unerschütterliche Weitsicht, die ihr Handeln prägt.“

Manchmal staune ich, wie die Pferde in einem Jahr eine Fläche komplett abweiden und sie im nächsten Jahr trotz hohem Bewuchs links liegen lassen. Erst im darauffolgenden Jahr kehren sie zurück und fressen dort wieder. Sie folgen ihren inneren Pfaden und Rhythmen und spüren zugleich die Rhythmen der Erde.

Präsenz ist für mich also ein waches Lauschen, aus dem das richtige Handeln ganz von selbst entsteht. Diese Weitsicht tragen wir Menschen ebenso in uns. Wenn wir Pferde und andere freilebende Tiere beobachten, kann sie in uns wieder erwachen.

Pferde zeigen, was in ihnen ist

Pferde ruhen in sich und leben im Augenblick. Ob Schmerz oder Wohlbefinden in ihnen ist, sie zeigen alles offen und bleiben dabei tief in sich verwurzelt. Sie teilen sich ihrer Umgebung vollständig mit, ohne irgendetwas davon auf andere zu übertragen.

Wir Menschen verlieren uns dagegen leicht. Wir schieben Gefühle und Körperwahrnehmungen beiseite. Dann strahlen wir zweierlei aus: das, was wir bewusst von uns zeigen, und das, was unbewusst in uns wirkt. Für andere werden wir dadurch schwer einschätzbar, und sie bleiben vorsichtig, ob sie es merken oder nicht.

Oft fällt uns das selbst kaum auf, unsere Nächsten bemerken es dagegen sehr wohl. Der Satz „Du bist nicht du selbst“ trifft es dann im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht kennst du auch Momente, in denen du eine klare Vorstellung von deiner Stimmung hast und völlig erstaunt bist, welche Reaktionen dir von außen gespiegelt werden.

Fuchs liegt entspannt im Gras, dahinter grast ein Schimmel
Pferde ruhen in sich und leben im Augenblick

Pferde antworten auf das Echte

Jedes fühlende Wesen nimmt zuerst unseren echten inneren Zustand wahr, auch wenn unsere Maske etwas anderes zeigt. Tiere antworten darauf mit großer Treffsicherheit. Wir Menschen spüren es ebenfalls, vertrauen aber oft lieber dem Bild, das unser Verstand uns zurechtlegt.

Unsere Rollen sind manchmal so überzeugend, dass wir sie selbst glauben. Deshalb sind Herden, Seelenfamilien und Gemeinschaften so wertvoll. Sie spiegeln uns liebevoll, wer wir wirklich sind, und helfen uns, uns selbst wieder näherzukommen. Wenn eine Gruppe ihre Aufmerksamkeit gemeinsam auf das Sein richtet, gelingt es vielen leichter, diesen Zustand zu berühren. Später finden wir ihn dann auch allein.

Das Wesen hinter der Rolle

Jeder Mensch und jedes Tier hat eine unverwechselbare Grundfärbung, einen ganz eigenen Energiegeschmack, der immer und überall erkennbar ist. Für mich ist das die Essenz eines Wesens. Die Persönlichkeit, geformt von Erfahrungen und Prägungen, liegt darüber wie eine dünne Membran. Sie kann starr werden, sie kann sich wie ein Chamäleon ständig anpassen, oder sie wird mit der Zeit lichter und durchlässiger und lässt immer mehr von der wahren Natur hindurchscheinen.

Alle drei Formen kenne ich aus meinem eigenen Leben. In manchen Bereichen entwickelte ich eine wahre Meisterschaft im Anpassen. In den letzten Jahren erlebe ich zunehmend das Durchlässigwerden, und das entspannte Loslassen von Rollen, Ansichten und Feindbildern empfinde ich als zutiefst befreiend. Beim Blick zurück erkannte ich mein Wesen in jeder Lebensphase wieder, allem voran eine große Heiterkeit und ein Lachen, das mich mein Leben lang begleitet.

Seitdem schaue ich Menschen und Tiere mit anderen Augen an. Ich sehe die Persönlichkeit und ihr Verhalten und bin gleichzeitig neugierig auf das Wesen dahinter. In jedem Moment darf ich wählen, wohin ich meine Aufmerksamkeit richte. Wende ich mich dem Wesen zu, staune ich friedlich und spüre Wärme, Liebe und Freude in mir aufsteigen. Auf dieser Ebene ist alles geklärt, und das reine Verbundensein steht im Vordergrund.

Auch darin haben mich Brandur und unsere Pferdefreunde inspiriert. Je mehr ihre Seelen und Körper heilten, desto sichtbarer wurde ihr Wesen. Sie kehrten zurück zu ihrer wilden Natur, und erstaunlicherweise ist dieser Ausdruck eher von tiefem Frieden geprägt als von Unruhe. Bei mir selbst erlebe ich es ähnlich.

„Je näher ich meiner wahren Natur komme, desto ruhiger werde ich.“

Feuer, Lachen und Wandlung haben in meinem Leben weiterhin ihren Platz, und ich gehe heute mutiger hinein. In der langen Zeit dazwischen empfinde ich eine tiefe Zufriedenheit und Schlichtheit.

Der weiche Blick

Eine Übung, die ich sehr liebe, ist der weiche Blick. Du entspannst deine Augen und lässt sie auf einem Punkt und zugleich auf seiner Umgebung ruhen. So greifst du nicht mehr nach der Welt. Du öffnest einen Raum in dir, lässt die Welt hineinströmen und siehst mit deinem ganzen Körper. Auf diese Weise kann das Leben dich wirklich berühren und ausfüllen.

Der weiche Blick verbindet uns mit der Seele eines anderen Wesens, und gleichzeitig schenken wir ihm einen Blick in unsere eigene Seele. Mit Pferden gelingt das oft ganz von selbst.

Es ist derselbe weite, offene Blick, mit dem uns ein Neugeborenes ansieht. Wenn wir geliebte Menschen beim Sterben begleiten, begegnet er uns erneut. Ihre Augen weiten sich, halten an nichts mehr fest und werden unscharf, als blickten sie wieder in die vertraute Welt hinter allen Formen. In solchen Momenten reduziert sich unser Erleben auf das Wesentliche: den gegenwärtigen Moment und das allumfassende Sein.

Am leichtesten gelingt es mir, wenn ich in Bosnien oder am Bodensee von einem meiner Lieblingsplätze in die Weite schaue. Dann durchströmen mich die Worte lebendige, weite Stille und tiefer Frieden. Probier es gerne aus: Setz dich an einen Platz mit weitem Blick, atme ruhig und lass deine Augen weich werden. Schon wenige Minuten können dich spürbar in den Augenblick zurückholen.

Wenn die Grenzen verschwimmen

An solchen Plätzen richte ich meine Aufmerksamkeit ganz auf den gegenwärtigen Augenblick, und kurz darauf beginnt sich meine Wahrnehmung zu wandeln. Mein Blick wird scharf und bleibt doch frei. Jeder Umriss tritt aus seinem Hintergrund hervor und scheint näher zu rücken. Dann weitet sich meine Wahrnehmung, und ich erfasse das Wesen der Bäume, Pflanzen, Tiere und Berge. Die Grenze meiner Körperwahrnehmung verschwimmt. Diese Verbindung fühlt sich rein, heiter und licht an, voller Verständnis, das keine Worte braucht.

Oft meldet sich mein Verstand dabei mit großem Lärm und stellt alles in Frage. Inzwischen lasse ich diesen Lärm einfach sein und mich weiter vom Zauber des Seins durchströmen.

Als ich diese Wahrnehmung zum ersten Mal erlebte, war ich wochenlang in einem inneren Zwiespalt, sobald ich mich in der Natur bewegte. Ich konnte kaum auf einen Grashalm treten, aus Sorge, ein Lebewesen in seinem Sein zu verletzen. Manchmal schicke ich mein Energiefeld voraus, als sanfte Vorwarnung, oder ich finde Frieden in dem Gedanken, dass sich unsere Energiefelder ohnehin durchweben. Sollte im reinen Sein eines Tages Heiterkeit möglich sein, werde ich über dieses Bild bestimmt herzhaft lachen. Lachen gehört schließlich zu meinen Lieblingsbeschäftigungen.

Wenn die Herde in die Weite schaut

Die Pferde selbst kennen diesen Zustand. Wenn wir in Bosnien in Brankos Gästehäuschen übernachten, sehen wir durch die hinteren Fenster weit ins Wintergebiet der Herde. Im Morgennebel ziehen die Pferde wie Märchenwesen zur Wasserstelle hinab. Manchmal stehen sie nebeneinander am Hang, blicken in die Weite und scheinen die Seele aller Dinge zu erfassen. Dann liegt so viel Magie und Stille in der Luft, dass wir sprachlos werden.

Dann löst sich der Zauber langsam. Eines nach dem anderen beginnt den Abstieg, oft in einem fröhlichen Galopp den steilen Hang hinunter. Dann hört man donnernde Hufe und kraftvolles Schnauben. Stille und Lebensfreude liegen bei ihnen ganz nah beieinander.

Einmal im Jahr darf ich dort ein Seminar mit Frauen und Pferden anbieten. Fünf Tage lang teilen wir das Leben mit den Pferden, und diese Tage sind erfüllt von Stille, Magie, Befreiung und Leichtigkeit.

Erleben: In der Frauenzeit mit Pferden verbringen wir Stillezeit in der Herde.

Lust auf mehr? Wenn dich diese Zeilen berührt haben, erzählt dir mein Buch „Freiheit für Brandur. Eine Reise zur wahren Größe“ die ganze Geschichte: von Brandur, von unserem gemeinsamen Weg nach Livno und von allem, was die Pferde mich dabei gelehrt haben. Du findest es bei Amazon, und ich freue mich, wenn es dich ein Stück begleitet.

Newsletter

Infos zu neuen Terminen

Trag dich ein, und Alma informiert dich über Folgetermine.

Seminare

Wenn du Infos zu Folgeterminen möchtest